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Grave Pleasures: Dreamcrash

Grave PleasuresxxlCoverLabel: Columbia/Sony

Spielzeit: 45:29 Min.

Genre: Post-Punk

Info: Facebook

Album kaufen: Amazon

Hörprobe: Youtube

VÖ-Datum: 04. September 2015

 

Es gibt Platten, selten zwar, aber es gibt sie – die genau den Nerv der Zeit zu treffen scheinen. Ich will hier kein negativ konnotiertes Unwort wie „Zeitgeist“ bemühen, sondern jenseits aller vermeintlichen und letztlich auch nur oberflächlichen Hipness das echte Gefühl, die echte Angst, das echte Beben in Stimme und Herz, Text und Ton hervorheben. Doch eigentlich unnötig – denn wer „Dreamcrash“ hört, der wird all dies offenkundig und unmittelbar selbst erfahren.

„Dreamcrash“ kann zwar aus vielen Gründen kein neues, sagen wir mal: „Nevermind“ werden – die heutige Musikwelt gibt das nicht mehr her, zudem wäre die Band mit durchschnittlich Mitte 30 wohl auch schlicht zu alt, um die Jugend angemessen zu erreichen und begeistern zu können (wobei man aber andererseits den Einstieg von Linnea Olsson [ex-The Oath] nicht unterschätzen sollte, die als Identifikationsfigur gerade für die jungen weiblichen Hörer dienen könnte. Und ich gestehe: auch ich bin ihr verfallen, mittlerweile noch mehr als zu The Oath-Tagen) (wer nicht, lieber Daniel? – Sven).

Wichtiger als Musikwelt und Image ist natürlich die Musik, und die ist ein unerwartetes Erdbeben. „Climax“ von Beastmilk, dem Grave Pleasures-Vorläufer, war ein kleiner Hype und eine ordentliche, aber mitnichten überragende Platte. Die Songs waren energetisch, aber insgesamt zu linear. Auf den emotionalen Erdrutschsieg eines „Dreamcrash“ war ich mithin in keinster Weise vorbereitet.

Die ganz große Liebe begann für mich mit den einleitenden Klängen des fünften, unfassbaren Liedes „Crisis“ – diesen überwältigend emotionalen Gitarren sowie dem Text: „I've been doing time / In a prisoners mind / For all these 35 years or more (…) I'm in a state of panic / Living in a constant crisis / This can't be happening to me (…) I'm a sentenced man / Pushing against the bars / And I don't even know how long I have“. Natürlich leitet sich dieser Song direkt aus alten The Cure und Joy Division-Tagen ab, aber mich hat mit Verlaub nie auch nur ein einziger Robert Smith- oder Ian Curtis-Song so radikal erwischt, gepackt, gebannt und komplett im Sturm genommen. Und von dieser emotionalen Blaupause aus wurde ich richtig aufmerksam. Plattenfirmen liefern den vorab-mp3s traditionell keine Texte mit (lobende Ausnahme: das rührige I, Voidhanger-Label), so dass man nicht zeitgleich ein Textblatt studieren kann; zudem findet man vorab auch keine Lyrics im Internet. Bei „Dreamcrash“ saß ich also plötzlich Durchgang für Durchgang für Durchgang komplett still und aufmerksam unter meinem Kopfhörer und habe ganz genau zugehört – ein Luxus, welchen ich kaum einer zu besprechenden Platte zugestehen kann.

„Dreamcrash“ spricht zum Hörer, nicht nur über die Texte, sondern über das unglaublich fiebrige, doch nie lärmige Zusammenspiel, diesen aufgeputschten Bass mit seinen flirrenden, pumpenden Noten, dieses regelrecht hungrig-euphorische Schlagzeug, die alles hektisch voranpeitschenden Gitarren und den manischen Gesang, welcher der heutigen Schockstarre im Angesicht einer wieder deutlich wahnsinniger werdenden Welt eine Stimme verleiht und welche den Verlust sowohl der Träume als auch der Liebe direkt greifbar macht, dabei jedoch nicht apathisch wird, sondern anklagt und regelrecht agitiert.

Das Album spielt mit den Ängsten unserer Zeit und verwandelt sie in ein wild zuckendes Hitmonster, welches ebenso tragisch-elegisch („Crisis“) als auch manisch-angreifend und hart zupackend („Utopian Scream“) sein kann, sich in romantischen Post-Punk-Fantasien regelrecht verliert („Crying Wolves“) als auch zu großartigen, massenkompatiblen Hits („New Hip Moon“) aufzutürmen vermag.

Grave Pleasures sind mit diesem Album komplett zeitlos – Retro einerseits, wahnsinnig frisch und am Puls der Zeit andererseits – ein absolutes Kunststück. Sicher, es mag besser ausgearbeitete Songs da draußen sowie insgesamt versiertere Songwriter geben – und dennoch ist „Dreamcrash“ ein durch und durch perfektes Album; zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Die Band schöpft ihr Potential beängstigend gut aus und verschafft sich dadurch eine solch überzeugende und laute Stimme, dass sie nicht ungehört bleiben kann und darf.

Daniel Lofgren

XXL WertungXXL

Tracklist:

1: Utopian Scream
2: New Hip Moon
3: Crying Wolves
4: Futureshock
5: Crisis
6: Worn Threads
7: Taste The Void
8: Lipstick on Your Tombstone
9: Girl in a Vortex
10: Crooked Vein
11: No Survival

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